Vorweg ging die Diskussion, ob die bundeseinheitliche Rufnummer nicht eine staatliche Aufgabe sei. Die Diskussion fand vor allem im Bundesland Baden-Württemberg statt, bei der sich der Vorreiter und Visionär Siegfried Steiger aktiv dafür einsetzte, eine bundeseinheitliche Notrufnummer einzuführen, um eine einfachere Alarmierung von Rettungskräften zu ermöglichen. Auf die Anfrage Steigers, welche Kosten eine solche Nummer verursachen würde, informierte die Oberpostdirektion Stuttgart, dass hierfür 387.000 DM anfallen würden.
Just an dem Tag, an dem die Finanzierbarkeit dieses kostspieligen Unterfangens zumindest für Nordwürttemberg gefeiert werden sollte, entschied sich der Bundestag aufgrund der angeblich nicht möglichen Finanzierbarkeit dagegen.
Darauf folgte ein zunächst verzweifelt und sinnlos erscheinender Schritt Steigers: Er verklagte die Bundesrepublik Deutschland sowie das Land Baden-Württemberg wegen vorsätzlich unterlassener Hilfeleistung. Sein Ziel war es nicht, die Klage zu gewinnen, sondern die Thematik und die damit verbundene Problematik öffentlich zu machen. Nach der erwarteten Niederlage vor Gericht erhielt Siegfried Steiger die einmalige Möglichkeit, seine Ansichten und die Dringlichkeit des Problems über einen Journalisten an die Öffentlichkeit zu tragen. Sein Plädoyer war ein voller Erfolg und setzte die Politik erheblich unter Druck. Dies war der entscheidende Punkt, der schließlich zur Einführung der Notrufnummern 112 und 110 führte.
Doch man könnte sich fragen, woher dieses außergewöhnliche Engagement Steigers stammt. Die Antwort liegt in einem tragischen und einschneidenden Ereignis im Leben der Familie Steiger: Am 3. Mai 1969 wurde der damals achtjährige Sohn von Siegfried Steiger, Björn Steiger, in einen folgenschweren Verkehrsunfall verwickelt. Der Rückweg vom Schwimmbad endete für ihn fatal. Verstorben ist Björn Steiger nicht an den unmittelbaren Verletzungen des Unfalls, sondern an vermeidbaren Folgen – einem Schock. Trotz Notruf und erster Hilfe traf qualifizierte medizinische Hilfe erst eine Stunde nach dem Unfall ein.
Daraufhin entschloss sich Siegfried Steiger, nicht aufzugeben, sondern das bestehende Rettungssystem in Deutschland grundlegend zu verbessern. Er gründete die Björn Steiger Stiftung zum Gedenken an seinen Sohn und unterstützte mit ihr zahlreiche Projekte im Bereich des Rettungsdienstes. Sein primäres Ziel war dabei eine flächendeckende Versorgung Deutschlands mit geeigneten Rettungsmitteln, um an jedem Ort eine Hilfsfrist von maximal acht Minuten zu ermöglichen.
Wie unschwer zu erkennen ist, ist die Notrufnummer 112 keine Selbstverständlichkeit, sondern das Ergebnis von Rückschlägen, Risiken, Hürden – und vor allem von Emotionen. Gerade deshalb ist es wichtig, diesen Tag als Erinnerung an eine Zeit zu verstehen, in der schnelle und professionelle Hilfe nicht innerhalb weniger Minuten garantiert war.

